Nordlicht & Schatten

„Sie nannten ihn den Dunklen Feind der Welt, denn er war es, der alles Leben korrumpieren oder ausradieren wollte. Er machte sich zwielichtige Kreaturen zu seinen Untertanen und zog gegen Feen und Menschen in den Krieg. Noch bevor Sonne und Mond am Himmelszelt standen, hatte er seine Festung im nördlichsten Teil der Welt erbaut und herrschte dort mit eisener Faust. Immer wieder versuchten die Armeen der Menschen, Feen und ihrer Verbündeten seinen Schergen den Garaus zu machen, aber eins nach dem anderen fielen ihre Königreiche seiner Zerstörungsmaschinerie zum Opfer; immer tiefer in den Süden drang sein Einfluss. Ganze Landstriche wurden ausradiert, bis nur noch verbrannte Erde übrig war.

Eines Tages zog jemand in den vergessenen Westen aus, um die Götter um Gnade anzuflehen. Er war ein Nachkomme aus einer einmaligen Union aus Mensch, Fee und Gott. Ihm und all seinen Nachfahren war die Wahl zwischen Unsterblichkeit oder dem Leben eines Menschen gewährt. Sein Name ist längst vergessen, wie seine Tat Sage geworden ist. Er erreichte die Küsten der unsterblichen Lande und sprach zu den Göttern, die dort mit den ersten und höchsten der Feen lebten. Gerührt beschlossen die Göttern, den Bewohnern der Erde zur Hilfe zu kommen, die sie bereits fast vergessen hatten. So begann der Krieg des Zornes und der dunkle Herrscher wurde außerhalb der Kreise der Welt verbannt.

Die Welt wurde gekrümmt und nur Feen war es gestattet, so sie dies wünschten, zu den Göttern zu fahren, wenn sie dem Dasein in den Landen der Sterblichen überdrüssig waren.

Man sagt, noch lange lebten Feen auf unserer Erde, und auch einige Zwerge, aber nach und nach verschwanden diese, bis nur noch Menschen übrig blieben und alle andern Völker in Vergessenheit gerieten und nur noch Stoff für Märchen liefern.“

Als uns Ben aus seinem Sagenbuch vorlas, musste ich etwas schmunzeln. Sicherlich, wir saßen um ein Lagerfeuer auf einer Waldlichtung, die Tannen und Fichten um uns lieferten ein schönes Setting und wir hofften, Blicke auf ein paar Nordlichter zu erhaschen, aber dennoch fand ich seine Geschichte unpassend. Er trug sie nämlich vor als ob er alles glaubte. Mir war schon klar, dass die Leute in diesem Land zur Seltsamkeit neigten, Trolle waren immer und überall anzutreffen – aber eben nur in Souvenirgeschäften, Museen und in Kinderbüchern.

Seine Geschichten gingen noch weiter, Fragmente von uralten Helden, einer stärker als der andere, einer legendärer als der nächste. Bevor es vollends lächerlich wurde, bat ich ihn, aufzuhören und lieber die Stille des Waldes zu genießen. Wir fühlten uns schließlich selber wie Abenteurer, auch wenn wir nicht allzuweit weg von Tromsø waren.

Später in der Nacht erwachte ich in Dunkelheit; das Lagerfeuer war erloschen und das einzige, matte Licht kam von den verhüllten Sternen. Es fing an, leicht zu nieseln, als ich aus meinem Zelt trat um etwas frische Luft zu schnappen; und zwar fast wie auf Kommando. Zusätzlich kam etwas Wind auf. Langsam wurde der Wind stärker und drehte nach Norden. Ich wand meinen Blick ebenfalls dorthin. Das Wetter versprach, noch seltsamer zu werden und ich war sehr gespannt, was als nächstes passieren würde. Lange sah ich die Umrisse, die sich zwischen den Wäldern hin und her bewegten, nicht, so sehr starrte ich in den Himmel, als würde ich versuchen, die Wolken in Fetzen zu reissen.

Einige Minuten später gelang mir das sogar. Oder zumindest hatte es den Anschein und ich war gewillt es in dem Augenblick zu glauben. Der Regen war etwas stärker geworden, hatte dann aufgehört und die Wolken gaben den Blick in den Himmel frei. Dort war zu sehen, auf was ich meinen ganzen Aufenthalt in Norwegen gewartet hatte: Nordlichter....rote Nordlichter. Ich war augenblicklich verliebt. Das war das schönste, was ich je im Leben erblickt hatte und mein Herz füllte sich entgegen der recht kühlen Temperaturen mit Wärme. Ich beschloss in diesem Augenblick, hier leben zu müssen.

Einige Jahre später lebte ich schließlich wirklich in dem Land der Nordlichter. Meine Schwester war mit mir gekommen und zusammen lebten wir in einer Wohnung in einer ruhigen Ecke von Olso. Bergen hätte mich auch gereizt, aber der Regen dort brachte mich immer aus der Fassung. Tromsø hätte Nordlichter zu bieten – aber auch Winter voller Düsternis; nicht gerade mein Ding. Oslo jedoch war perfekt. Tagsüber arbeitete ich in der Redaktion, meine Schwester betrieb ihren Salon und abends radelte ich durch die Stadt oder die umliegende Landschaft, mit Vorliebe durch die Wälder. Oft blieb ich bis tief in die Nacht dort, so sehr gefiel es mir.

Eines Winterabends rief ich Ben an, der in Deutschland geblieben war, und fragte ihn um Rat. Ein Traum ließ mir keine Ruhe mehr – Nacht für Nacht wurde ich heimgesucht, konnte schon kaum mehr schlafen und wurde tagsüber progressiv unbelastbarer; meine Arbeit hatte darunter ebenso zu leiden wie Freunde. Es war immer der gleiche Traum, dass mir jemand genommen wurde, der mir nahe stand wie ein Bruder (oder Schwester, der Traum definierte das nicht genauer), weil ich mit den Mächten des Finsteren im Bunde stand. Nun hatte ich mich zwar zur Belustigung mit okkulten Schriften befasst, aber schlußendlich ich fand diese ebenso glaubhaft wie christliche oder andere Lehren – nämlich gar nicht. Ben war jemand, der gut in Menschen lesen konnte. Er hatte Psychologie studiert und hatte inzwischen einiges an praktischer Erfahrung angesammelt.

Als Ben an sein Telefon ging, plauderten wir erst, wie es Höflichkeit gebietet, über allgemeine Geschehnisse. Ein Nachteil des Auswanderns ist, dass man zwangsläufig Kontakt mit seinen Freunden verliert. Als ich schließlich zum Punkt kam, ihm meine Problematik schilderte und ihn fragte ob er eine Idee hatte, schlug ich auch dies vor: dass die Person, die ich im Traum Nacht für Nacht verlor, für alle Freunde steht, die ich nicht mehr sehe und von denen ich nichts mehr höre. Aber genau genommen waren das gar nicht viele. Natürlich war der Kontakt spärlicher geworden, aber die Menschen die für mich zählten, von denen hörte ich immer noch hie und da das Neueste. Ben tat den Gedanken auch ab – und er war schließlich einer von denen; wir telefonierten etwa einmal im Monat miteinander.

Ben bat mich, die Person genauer zu beschreiben. Er konnte mich zwar nicht telefonisch in Hypnose oder ähnliches versetzen, wollte dies auch nicht; aber ich war selber in der Lage, ein wenig in meinem Unterbewußtsein zu stochern und spulte den Traum so gut und genau es ging vor meinem inneren Auge ab. Nun merkte ich zum ersten Mal, dass es eine Frau war, die mir da genommen worden war. Sie hatte langes weißes Haar, war aber nicht alt – zumindest würde man es ihr nicht anssehen. Sie trug eine blaue Robe, was ich äußerst ungewöhnlich fand und war außerdem ein ganzes Eck größer als ich. Als ich mich etwas besser konzentrierte – ich drehte hierzu das Licht ab und legte den Telefonhörer kurz zur Seite – merkte ich, dass ich selber eine Frau in meinem Traum war. Ich konnte allerdings nichts daran festmachen, ich bekam einfach kein klares Bild meiner Erscheinung.

Aus irgendeinem Grund fing Ben wieder von seinen Sagen an. Ich wußte nicht, wie er darauf kam, aber er sagte, dass ihn mein Traum an Feen erinnerte. „Feen? Aber die Frau ist viel größer als ich, wie kann sie eine Fee sein? Feen sind doch ganz klein, mit Flügeln? Und überhaupt, was hat das damit zu tun?“ – „Wie Feen wirklich aussehen, wissen wir doch nicht, genauso wenig wie Zwerge, Trolle und all die anderen Sagenwesen wirklich ausgesehen haben mögen – wer will das überprüfen? Das Bild was wir heutzutage haben, ist doch verschwommen, verzogen und über Jahrhunderte, Jahrtausende zu einem Märchen geworden. Natürlich glaubst du, glauben wir alle, Feen sind klein mit Flügeln, aber stimmen muss das deswegen noch nicht. Aber darum geht es auch gar nicht. Ich meine einfach nur, die Trauer die die Frau in deinem Traum ertragen muss, erinnert mich an die Feen auf der Erde, die von den Göttern verlassen wurden. Kannst du dich an die Sage erinnern?“ – „Ja, ich kann mich an alles an diesem Abend sehr gut erinnern. Du weißt ja, ich habe nicht so viel übrig für diese Geschichten, aber allein, dass ich an dem Abend Nordlichter gesehen habe.............“ – ich fing an zu stammeln, da mir plötzlich die Bilder jener Nacht durch den Kopf gingen, plastischer als damals. Da waren Umrisse im Wald gewesen. Sich bewegende Umrisse „Hallo? Sagst du noch was oder bist du eingeschlafen?“ wollte Ben wissen.

Ich brauchte Zeit, mich zu konzentrieren und die Bilder genauer zu analysieren, nuschelte kurz „ich ruf wieder an“ in den Hörer und legte auf, dann setzte ich mich auf den Boden. Ich wußte plötzlich mit überwältigender Klarheit: das waren keine Menschen oder Tiere gewesen, die in dieser Nacht durch den Wald gewandert waren. 'Was für ein Unsinn', dachte ich mir. Aber ich spulte die Bilder wieder und wieder ab, versuchte stets meinen Kopf zu neigen um zu sehen, was ich damals nicht gesehen hatte, aber dieses Unterfangen gelang mir nicht.

Wissend dass ich nicht mehr herausfinden würde, griff ich wieder zum Hörer und rief Ben an. „Entschuldige, ich hatte eben eine Vision“ – Ben lachte. „Eine Vision? Kommt vermutlich vom Schlafentzug, mein Lieber, das kann vorkommen.“

Das wußte ich. Aber das war nicht der Fall. Nicht diesmal. Da waren wirklich, tatsächlich Umrisse im Wald gewesen. Ich hatte auch seit über einem Jahrzehnt Alkohol nicht mal näher angesehen, also konnte ich jeden Vorwurf, ich wäre eventuell betrunken gewesen, von mir weisen. Ich erzählte Ben von dem was mir eingefallen war. „Nun, das löst aber jetzt nicht dein Schlafproblem. Und obendrein glaube ich, das müssen einfach Tiere gewesen sein.“ – Ich war anderer Meinung, konnte meinen Freund aber nicht überzeugen. Und nun war ich versessen darauf, einzuschlafen, um eventuell neue Schlüsse ziehen zu können. Vielleicht offenbarte mir der nächste Traum mehr. „Sei mir nicht böse, Ben, aber du hast mir geholfen, ich denke, ich kann wieder besser schlafen.“ – „Aber ich hab doch gar nichts gemacht!“ protestierte er, wohl in seiner Psychologenehre verletzt. „Ja – ich weiß, es mag seltsam klingen, aber ich bin momentan sehr gespannt darauf, was heute in meinem Traum passiert.“ – „Hm, ja... versuch einfach, genauer aufzupassen und ruf mich wieder an. Dann erzähl mir, ob dir was aufgefallen ist. Ach, und weißt du was? Versuch, dich im Wachzustand immer wieder zu fragen, ob du träumst. So oft, bis es Routine wird. Eventuell gelingt dir dann, dir dieselbe Frage im Traum zu stellen. Dann solltest du dir klar werden, dass du dich im Traum befindest und mit etwas Glück kannst du ihn dann kontrollieren.“

Das war der gröbste Unfug den ich je gehört hatte. Abgesehen von der Geschichte mit den Feen, natürlich. Aber der lieben Freundschaft fragte ich höflich „und du bist sicher, sowas funktioniert?“ – „Ja. Ich habe schon von einigen Leuten gehört, die es geschafft haben, Bewußtsein im Traum zu erlangen. Es ist mir selber schon mal passiert...ich bin dann ein paar Runden geflogen, das war schön, sag ich dir.“

Ich muss zugeben, oft ändere ich meine Meinung recht schnell; oft lasse ich mir Dinge mit recht simplen Argumenten einreden, oft kommt es mir vor als wären zu viele Charaktereigenschaften in mir, zuviele potenzielle Ansichtspunkte, zu schnell konnte ich meinen Blickwinkel adaptieren... so kam es, dass ich Bens Idee bereits ein paar Tage nachdem ich sie als Unfug abgetan hatte, wirklich ausprobierte. Ich fragte mich alle paar Minuten „bin ich wach?“. Speziell nachdem ich einige Nächte denselben Traum wieder hatte, ohne irgendwas neues zu bemerken, hoffte ich, auf diese Weise irgendwie weiter zu kommen in Sachen Traumdeutung. Und schließlich wollte ich eigentlich nur meinem Ziel näher kommen, wieder ruhig und traumlos schlafen zu können.

Ein Nebeneffekt diese Methode war, dass ich nach einigen Tagen der Meinung war, den Verstand verlieren zu müssen, da ich mir irgendwann einfach nicht mehr sicher war, ob ich nun wachte oder träumte – dummerweise nur, wenn ich tatsächlich wach war; meine Träume waren unverändert und unkontrollierbar. Aber dennoch: je öfter ich diesen Traum träumte, desto konzentrierter schien ich zu werden, desto mehr Details kamen zu meiner Aufmerksamkeit.

Und eines Wintertages war ich im vollen Bewußtsein im Traum. Ich stand im Wald und ging in den Norden, den Lichtern entgegen. Ich war auf der Suche nach einer Seelenverwandten, die ich lange verloren geglaubt hatte. Sie hatte meine Kreise, womöglich gar die Kreise der Welt schon lange verlassen und mich zurückgelassen, um in Ewigkeit zu leiden. Nach tausenden von Jahren an Schmerz hatte ich beschlossen, sie zu suchen, koste es was es wolle. Irgendwo musste dieser Weg sein, der mich aus diesem Loch, zu dem diese Welt geworden war, führte. Ich stieß auf uralte Ruinen von Festungen, auf neue Siedlungen der Menschen, auf veränderte Landschaften, auf unendliche Weiten. Und ich sah im Nordlicht einen Schatten dieser verwandten Seele, die nicht mehr hier war, mir aber den Weg zu weisen schien. Plötzlich drehte sich mein Blickwinkel, offenbarte mir das Gesicht, das ich so lange gesucht hatte, das mich auf diese Reise mitgenommen hatte – und ich war wie hypnotisiert, denn noch nie hatte ich solche Augen gesehen, nie ein Gesicht so voller Weisheit.

Traurigkeit von zehntausenden von Jahren blickten mir entgegen, nur eine Sekunde lang, bevor ich erwachte, doch nie wieder würde ich dieses Gesicht vergessen, diese blauen Augen, in denen ein leichter, fast verschwindender Schimmer von grün zu sehen war.

Und ein Teil dieser Traurigkeit war nun in mir gepflanzt. Mir war, als müsste ich etwas unternehmen, dieser Frau zu helfen, ihre Seelenpartnerin zu finden, um selber wieder klar denken, ja, ruhig schlafen zu können. Der Schlüssel muss in den Nordlichtern liegen, dachte ich mir...und im Schatten darin.

Nicht viel später klingelte bei Ben das Telefon, und wie in Trance hob er ab; war er doch gewöhnt, öfters von Patienten aus dem Schlaf geklingelt zu werden. „Ben?“ – „Sie haben die Praxis von Ben Sternenhagen erreicht. Unsere Bürozeiten sind nicht gerade jetzt. Rufen Sie tagsüber wieder an, Sie Spinner!“ – „Ben? Ich habe geträumt!“ – „Ich auch, und ich würd gern weiterträumen. Geh wieder schlafen!“ – „Es ist aber wichtig!“ Langsam schien ich ihn aufzuwecken. Es ist normalerweise nicht meine Art, fest schlummernde Menschen aus ihrem Schlaf zu reißen, aber noch war die Erinnerung an das eben Geträumte so frisch, dass ich nicht Gefahr laufen wollte, alles gleich wieder zu vergessen. „Na dann erzähl halt mal...“ nuschelte er vor sich hin, während er sich aufsetzte und das Licht anknipste. Ich erzählte ihm meine Geschichte – ihre Geschichte, die Geschichte der Frau aus meinem Traum.

„Du suchst also Schatten im Nordlicht? Nun, guck einfach mal dran vorbei, da ist ziemlich viel Schwarz um die Dinger rum...“ entgegnete mir Ben gelangweilt und etwas genervt. „Aber wenn du glaubst, Schatten suchen zu müssen, solltest du weiter rauf. In Oslo werden dir halt so schnell keine Nordlichter begegnen. Kannst du mich jetzt bitte schlafen lassen? Ich muss um sechs Uhr wieder raus und die Wahnsinnige Elke hat einen Termin bei mir....vor dem mir jetzt schon graust.“ – „Na gut, dann leg dich wieder hin. Danke. Gute Nacht.“ – „Nichts zu danken...ciao.“

Er legte rasch auf und ich spürte die drückende Stille um mich herum. Ich wußte nicht, ob ich meine Schwester aufwecken sollte, um ihr von meinem Traum zu erzählen, aber ich vermutete, sie würde mich nur auslachen. Ich nahm mir also vor, den einzigen Rat zu befolgen, den mir Ben gegeben hatte – und zugegebenermaßen war das auch der einzige Rat gewesen, den mir irgendein bei Vernunft befindlicher Menschen hätte geben können: ich beschloß, in den Norden zu fahren und auf die Jagd nach Lichtern zu gehen.

Als ich im nächsten Winter in Tromsø ankam, machte ich mich auf einiges gefasst: nachts bei unmenschlichen Temperaturen in der Wildnis herumhuschen war kein Zuckerschlecken. Ich hatte mir für diesen Zweck einen Wohnwagen von einem Kollegen geborgt und mir eine Woche freigenommen. Die Träume hatten nicht aufgehört, auch nach Monaten nicht und ich war knapp daran, durchzudrehen oder selber an Feen zu glauben. Was auf das gleiche hinauskommt, wenn man mich fragt.

Einige Tage sah ich nichts.

Ich wollte bereits frustriert wieder abreisen, als eines Nachts (oder Tags, im Winter nördlich des Polarkreises gibt es hierbei keine sonderlichen Unterschiede) ein Schimmern am Himmel zu sehen war. Ich nahm es erst kaum wahr, dafür sah ich nun deutlicher die Umrisse die an mir vorbeizogen. Es waren Leute, die dabei waren, die Welt zu verlassen. Nicht um zu sterben, sondern um den Platz aufzusuchen, für den sie bestimmt waren. Oder besser gesagt, es war ein Echo: ich sah hier, was vor Jahrtausenden stattgefunden haben mag. Mir gefror das Blut in den Adern (was nicht nur mit den Temperaturen zu tun hatte). Ich glaubte nicht an Geister – ich glaubte an nichts. Eventuell war ich wirklich verrückt geworden und mein Geist dreht mir einen Strick. Ich tappte jedenfalls in die Falle und ging näher zu denen die da gingen, an ihnen vorbei zum Ursprungsort.

Schließlich war ich auf der Suche nach einer, die zurückgelassen worden war. Lange, lange ging ich, und plötzlich wurde das Schimmern stärker, die Schattenfiguren weniger – ich kam meinem Ziel näher.

Als ich sie sah, hätte ich am liebsten geweint. Sie war „ich“ aus meinen Träumen, ich wußte es sofort. Eine imposant große Frau mit dunkelroten schulterlangen Haaren, einem blassen, makellosen Gesicht und blauen Augen, gekleidet in eine lange weiße Robe. Sie saß vor einer kleinen Holzhütte, mitten im Wald. Sie war wie entrückt aus der Welt, wie eine lebendige Erinnerung.

Als sie mich erblickte, erlosch das Schimmern, verschwanden die Figuren, und nur noch wir zwei waren hier. Als wären sie ihr entsprungen, als hätte sie diese Mittel benutzt um mich zu locken und wäre am Ende ihrer Kräfte. Sie aber verschwand nicht, sie war real, und sie sprach zu mir – nur verstand ich kein Wort. Ich meinte, ihre Sprache klang entfernt nach finnisch, aber sicher war ich mir nicht, zu wenig hatte ich mich damit befasst (ich war froh, wenn ich einen Schweden verstehen konnte). Als ich was sagte, schien sie nichts zu verstehen. Sie gab mir jedenfalls mit einer Geste zu verstehen, dass es besser wäre, nach innen zu gehen. Drinnen war es immerhin leidlich warm, sie heizte zwar nicht und ich fragte mich wie irgendjemand hier draußen auf diese Weise leben – geschweige denn überleben konnte – aber ich konnte ja nicht mit ihr kommunizieren. Allerdings war es relativ eng und dunkel. Was für ein trostloses Leben, dachte ich mir – kein Wunder infiltrierte sie meine Träume um etwas dagegen zu unternehmen. Inzwischen glaubte ich nicht mehr an einen Zufall, denn kein Mensch würde freiwillig seine Tage so elendig fristen. Ich war mir allerdings nicht mehr ganz sicher ob sie ein Mensch war und ob ich mir das nicht alles einbildete. Eventuell lag ich inzwischen auch einfach im Schnee und hatte Wahnvorstellugen vor meinem Tod.

Aber viel konnte ich diesen Gedanken nicht abtun, schließlich fühlte ich mich sehr präsent in der realen Welt, wenn auch an deren Rand. Die Frau kramte nun eine Kerze hervor, zündete sie an und bat mich, Platz zu nehmen. In ihrer Hütte waren ein Bett, ein Nachttisch (auf dem unsere Lichtquelle nun stand) und noch ein Stuhl, auf den ich mich setzte. Sie selber legte sich auf ihr Bett, anscheinend hatten ihre Lichtbilder und -gestalten (falls sie denn von ihr stammten, wovon ich ausging) sie wirklich einiges an Kraft gekostet.

Sie deutete mir, zu sprechen. Ich wußte zwar nicht, zu welchem Zweck, da sie mich sowieso nicht verstehen konnte, aber ich begann zu erzählen. Ich sprach langsam, wie man mit einem Sprachanfänger sprechen würde, und naheliegenderweise sagte ich, was mich hierher gebracht hatte. Und kurioserweise schien sie zu verstehen – oder sie vermutete. Sie deutete jedenfalls auf sich, als von ihr die Rede war und nannte mir ihren Namen: Leanija.

Nun muss ich einiges von dem, was sie mir später erzählt hat, vorgreifen. Sie war keine Fee oder sonst ein Fabelwesen, sondern die Letzte einer längst verschwundenen Rasse – sie war eine der Quendi, die „Sprechenden“ und sie waren es, die den Menschen Sprachen beigebracht hatten, vor Urzeiten. Heute gibt es keine Spuren mehr von ihnen, nur in Sagen und Märchen tauchen sie auf, dort werden sie zu engelsgleichen Figuren mit langen Ohren und Elfen genannt. Nach und nach entnahm sie meinen Erzählungen, wie die Sprachmuster des Deutschen funktionierten und wie sie diese für sich anwenden konnte.

Mit einer Probieren geht über studieren-Methodik versuchten wir beinahe die ganze Nacht, uns gegenseitig zu verstehen und schließlich brachten wir es zustande, unsere Sprachen wie brüchige Holzbrücken gebaut, einigermaßen miteinander zu kommunizieren. Kaum war diese Hürde halbwegs aus dem Weg, setzte sie sich auf und fing an zu erzählen.

„Es ist lange her, dass ich mit Menschen gesprochen habe – es ist generell lange her, dass ich mit Lebewesen sprechen konnte. So lange, dass ich den Namen Quendi kaum mehr verdient habe. In all diesen Jahren hat sich die Welt verändert; sie ist mir fremd geworden. Schon lange ist diese Gegend nicht mehr, was sie einst war, und alle meine Brüder und Schwestern sind seit Ewigkeiten davon. Ich bin die Letzte. Nach mir kommt niemand mehr, nach mir endet die Geschichte meiner Rasse auf dieser Erde. Aber um die Geschichte der Quendi auf dieser Welt zu einem Ende kommen zu lassen, brauche ich deine Hilfe. Ich habe all meine verbliebene Kraft genützt, um eine reine Seele zu mir kommen zu lassen. Denn nur ein Sterblicher, der frei von Verderben ist, kann mir helfen. So haben es diejenigen vohergesagt, die ihr Götter nennt. Alle Quendi sind bestimmt, die Kreise dieser Welt zu verlassen; sei es durch Tod – auch wenn wir unsterblich sind, nicht altern und nicht krank werden, können wir doch ermordet werden – oder auf den Geraden Weg. Nur habe ich keine Ahnung, wo und wie ich diesen finden soll, nachdem ich hier zurückgelassen wurde.“

Ich wußte nicht wirklich, was ich mit dem anfangen sollte, also ließ ich sie einfach weiter sprechen. Sie schien auch sehr erleichtert zu sein, einfach erzählen zu können.

„Wir, die Quendi, waren auf dieser Erde, bevor die Menschen kamen. Und euer Auftauchen läutete unser Schwinden ein. Nach und nach verließen wir die Küsten und suchten den alten Westen auf, der seit der Krümmung der Welt nur den Quendi auf dem Geraden Weg zugänglich ist. Nur: was ich getan habe, ist so schrecklich, dass mir der Gerade Weg verschleiert blieb. Deswegen bleibe ich wohl auf ewig von meiner Schwester getrennt – es sei denn, ich fände einen Sterblichen von reiner Seele, der mich verstehen könnte, mir verzeihen und mir helfen würde. Du bist heute hier, und das bedeutet viel; ich warte hier bereits fünftausend Jahre; sah Königreiche kommen und gehen, Generationen und Abergenerationen von Menschen, und konnte doch nie aufhören an meine Verwandten denken. Ich konnte nicht einfach hinausgehen und mich unter die Sterblichen mischen; ich war verdammt, die Ewigkeit mit der Schande und Schuld zu verbringen. Alle Quendi haben eines gemeinsam: wir haben gemeinsam für die Freiheit der Welt gekämpft, für alle Völker darin die an das Gute glauben, die das Schöne leben. Wir waren zu jeder Zeit bemüht, das Böse und das Dunkle zu vertreiben. Ich allein war die einzige die Bündnis mit dem Dunklen Feind der Welt geschlossen hatte. Im entscheidenden Moment, bevor der letzten Schlacht, deren Vorbereitung die Welt an einen Scheideweg brachte, an dem es unklar war, welche Abzweigung wir einschlagen würden, nahm mich die Angst in Geiselhaft und ließ mich die Seiten wechseln. Den Tod fürchten Quendi nicht, und nun weiß ich warum: Einsamkeit ist schlimmer als zu sterben. Du kannst dir nicht vorstellen, was jemand durchmacht, der Jahrtausende zum Alleinsein verdammt ist. Ich war verbittert, grub meinen Hass immer tiefer in mein Inneres, höhlte von innen aus. Ich bin geschlagen, ich kann nicht länger, ich wünsche mir den Tod, ich glaube, er käme einer Erlösung aus meinem Elend gleich.

In diesem einen Moment, als ich dem Bösen meine Pforten öffnete, verdammte ich mich selber. Meine Freunde, meine Brüder und Schwestern, wurden mir fremd, erkannten mich nicht wieder und ich fand mich wieder in einer schwarzen Welt, in der es nur einen Weg gab: den nach unten. Aussichtlos war die Lage für uns Quendi, und ich als einzige hatte Angst um mein Leben. Für mich stand es außer Frage, dass alle sterben würden, deshalb ergab ich mich dem Feind, bot ihm meine Dienste an im Austausch gegen Freiheit. Dieses Angebot nahm er an und bekam wertvolle Informationen von mir, die zur Auslöschung meiner Rasse geführt hätte, wären nicht die Götter selbst eingeschritten. Freiheit kannte der Dunkle Herr jedoch nicht, dieses Geschenk konnte er mir nicht machen. Er stellte mir als Kompensation einen niederen Dämonen als Diener zur Seite. Aus Leanija Æverstryd wurde in dieser Zeit ein Namenloses Wesen.

Als die Schlacht geschlagen und verloren war, stand ich am blutroten Schlachtfeld vor dem Herald der Götter, sackte vor ihm zu Boden und ließ meine Waffen fallen. Mein dämonischer Diener war bereits gestorben, aber ich war nicht bereit für den Tod und die Hallen der ewigen Sühne.“

Für einen Moment flackerte ein grüner Funken in ihren Augen auf, der schließlich wieder erlosch. Sie waren blass nun, blau. Sie hatte mich kaum eines Blickes gewürdigt in der Zeit, ich konnte spüren wie die Erinnerung in ihr wach wurden, wie sie zurückversetzt wurde. Es schien mir, dass sie gewachsen war, dass sie ein weiteres Stück gelernt hatte.

„Ich habe den Herald um Gnade angefleht, wie es viele niedere Diener des Dunklen Herrn getan hatten, aber in meinem speziellen Fall wußten die Götter nicht, was sie machen sollten. Das Blut meiner eigenen Verwandten tropfte von meiner Rüstung und von meinem Gesicht, während ich vor den Rat gebracht wurde. Auf dem Weg dorthin ließ ich mein Mitgefühl, meine Liebe zusammen mit den vielen Toten auf dem Feld und trat uneinsichtig vor die Götter. Ich konnte mit mir selber nicht mehr, darum ließ ich den Teil von mir, der mich zur Quendi machte, zurück und wurde etwas, das nicht viel besser als ein Dämon ist; ich kehrte den Stolz, eine Maske der Angst, in den Vordergrund. Als ich meine Schwester, Leadora, beim Rat sitzen saß und ich die Tränen in ihren Augen bemerkte, verschloss ich mich weiter. Keine Kraft hatte ich, diese Trauer zuzulassen, keinen Willen, mich damit zu befassen. Vieler Worte bedarf es in solchen Situationen nicht, und ich äußerte keine. Eon, der König der Götter, wußte auf dem ersten Blick womit er es zu tun hatte und fasste seinen Beschluss.

Im Norden bließ ich auf seinem Geheiß, sah die Welt sich verändern, die Menschen sich ansiedeln. Verwehrt war es mir, Liebe oder Mitgefühl zu empfangen. Der Kontakt zu Quendi war mir ebenfalls untersagt, aber diese suchten ohnehin nicht meine Nähe. Ich blieb in der Nähe von Menschen, befreundete mich mit einigen, doch richtig liebgewonnen hatte mich nie jemand; nie hatte ich wieder Nähe empfunden wie in meiner Jugend in den unsterblichen Landen. Die Menschen kamen und gingen, jeder, der mir etwas bedeutete, starb. Eines Tages, nachdem ein alter Freund von mir gegangen war, erinnerte ich mich erstmals wieder an meine Schwester und ihre Umarmung. An diesem Tag gelang es einer winzigen Träne sich an die Oberfläche zu drängen. Ein Meer allerdings versteckte sich in meinem Inneren, das nach Freiheit suchte, aber keinen Weg fand.

Hunderte von Menschen sah ich sterben, die mir etwas bedeutet hatten, bevor ich anfing zu verstehen. Ich zog mich zurück. Hier befinde ich mich seit fünfhundert Jahren und habe jeden Tag gelernt, zu mir selbst zurückzufinden, zu meiner Wirklichkeit bevor es die Dämonen gab. Ich fühle nach wie vor nahezu unerträglichen Schmerz für das, was ich getan habe, aber ich bin bereit, die Verantwortung dafür zu übernehmen. Ich behaupte nicht, dass meine Strafe abgeleistet ist oder dass mich meine Schwester mit offenen Armen empfangen wird, aber ich will zurück. Zu sterben erscheint mir als Erlösung, aber es ist mir nicht möglich mir selber physischen Schmerz zuzufügen, das ist Teil meiner Strafe.

Du hast meine Signale erhört, ich habe meine letzte Kraft dafür aufgewendet, dich hierherzufinden, und es steht dir frei, mir zu helfen oder zu gehen. Ich würde keinen Gram hegen, wenn du wieder nach Hause zurückkehrst, ich könnte es verstehen – und ich bin dankbar, dass ich dieses Verständnis zurückerlangt habe.

Ich bitte dich aber nun, mich zu töten, oder zu tun, was in deiner Bestimmung verschleiert liegt. Du bist derjenige der mich erlösen muss, denn du hast eine reine Seele und kannst in meine sehen, um festzustellen ob ich bereit bin.“

Sie zog ein Messer aus einer Lade und reichte es mir zitternd. Ich nahm es zurückhaltend, verschloss meine Hand um den Griff und steckte es weg; für keine Sekunde hatte ich überlegt, ihr Leid anzutun. Es musste einen anderen Weg geben. Ich konnte sie nicht sitzenlassen, sie nicht töten, war mir aber auch nicht sicher wie ich ihr helfen konnte. Als sie mich wieder ansah – während ihrer Erzählung hatte sie stets zu Boden geblickt – sah ich sie weinen und fühlte plötzlich einen Teil ihres Schmerzes.

Mitgefühl übermannte mich, ich konnte nicht anders, als sie zu umarmen – und zusammen weinten wir. Aus einem Bach wurde eine Flut, dann ein Wasserfall und schließlich ein Ozean aus Sternen. Ich schloß die Augen, sie drückte mich so fest sie konnte plötzlich entschwanden die ohnehin dezimierten Farben der Welt, und ich konnte zum Meer sehen, dort war ein Schiff, auf dem eine Frau mit langen weißen Haaren stand. Sie leuchtete hell und hob ihren Arm, um uns zu winken. Wir folgten, und die hellen Gestalten, die mich zu diesem Ort geführt hatten, leiteten uns den Weg zum Meer. Auf schwebenden Sohlen glitten wir zu Leanijas Bestimmung, zu ihrer Schwester die nun auf sie wartete, mit dem letzten Schiff in die Alte Welt. Als wir an der Küste angelangt waren erst ließ ich sie los. Sie wirkte gealtert und etwas geschrumpft, aber auf ihrem Gesicht war Dankbarkeit. Für einen Moment noch hielt ich ihre Hand und sagte ihr dann Lebewohl. Nordlicht & Schatten

„Sie nannten ihn den Dunklen Feind der Welt, denn er war es, der alles Leben korrumpieren oder ausradieren wollte. Er machte sich zwielichtige Kreaturen zu seinen Untertanen und zog gegen Feen und Menschen in den Krieg. Noch bevor Sonne und Mond am Himmelszelt standen, hatte er seine Festung im nördlichsten Teil der Welt erbaut und herrschte dort mit eisener Faust. Immer wieder versuchten die Armeen der Menschen, Feen und ihrer Verbündeten seinen Schergen den Garaus zu machen, aber eins nach dem anderen fielen ihre Königreiche seiner Zerstörungsmaschinerie zum Opfer; immer tiefer in den Süden drang sein Einfluss. Ganze Landstriche wurden ausradiert, bis nur noch verbrannte Erde übrig war.

Eines Tages zog jemand in den vergessenen Westen aus, um die Götter um Gnade anzuflehen. Er war ein Nachkomme aus einer einmaligen Union aus Mensch, Fee und Gott. Ihm und all seinen Nachfahren war die Wahl zwischen Unsterblichkeit oder dem Leben eines Menschen gewährt. Sein Name ist längst vergessen, wie seine Tat Sage geworden ist. Er erreichte die Küsten der unsterblichen Lande und sprach zu den Göttern, die dort mit den ersten und höchsten der Feen lebten. Gerührt beschlossen die Göttern, den Bewohnern der Erde zur Hilfe zu kommen, die sie bereits fast vergessen hatten. So begann der Krieg des Zornes und der dunkle Herrscher wurde außerhalb der Kreise der Welt verbannt.

Die Welt wurde gekrümmt und nur Feen war es gestattet, so sie dies wünschten, zu den Göttern zu fahren, wenn sie dem Dasein in den Landen der Sterblichen überdrüssig waren.

Man sagt, noch lange lebten Feen auf unserer Erde, und auch einige Zwerge, aber nach und nach verschwanden diese, bis nur noch Menschen übrig blieben und alle andern Völker in Vergessenheit gerieten und nur noch Stoff für Märchen liefern.“

Als uns Ben aus seinem Sagenbuch vorlas, musste ich etwas schmunzeln. Sicherlich, wir saßen um ein Lagerfeuer auf einer Waldlichtung, die Tannen und Fichten um uns lieferten ein schönes Setting und wir hofften, Blicke auf ein paar Nordlichter zu erhaschen, aber dennoch fand ich seine Geschichte unpassend. Er trug sie nämlich vor als ob er alles glaubte. Mir war schon klar, dass die Leute in diesem Land zur Seltsamkeit neigten, Trolle waren immer und überall anzutreffen – aber eben nur in Souvenirgeschäften, Museen und in Kinderbüchern.

Seine Geschichten gingen noch weiter, Fragmente von uralten Helden, einer stärker als der andere, einer legendärer als der nächste. Bevor es vollends lächerlich wurde, bat ich ihn, aufzuhören und lieber die Stille des Waldes zu genießen. Wir fühlten uns schließlich selber wie Abenteurer, auch wenn wir nicht allzuweit weg von Tromsø waren.

Später in der Nacht erwachte ich in Dunkelheit; das Lagerfeuer war erloschen und das einzige, matte Licht kam von den verhüllten Sternen. Es fing an, leicht zu nieseln, als ich aus meinem Zelt trat um etwas frische Luft zu schnappen; und zwar fast wie auf Kommando. Zusätzlich kam etwas Wind auf. Langsam wurde der Wind stärker und drehte nach Norden. Ich wand meinen Blick ebenfalls dorthin. Das Wetter versprach, noch seltsamer zu werden und ich war sehr gespannt, was als nächstes passieren würde. Lange sah ich die Umrisse, die sich zwischen den Wäldern hin und her bewegten, nicht, so sehr starrte ich in den Himmel, als würde ich versuchen, die Wolken in Fetzen zu reissen.

Einige Minuten später gelang mir das sogar. Oder zumindest hatte es den Anschein und ich war gewillt es in dem Augenblick zu glauben. Der Regen war etwas stärker geworden, hatte dann aufgehört und die Wolken gaben den Blick in den Himmel frei. Dort war zu sehen, auf was ich meinen ganzen Aufenthalt in Norwegen gewartet hatte: Nordlichter....rote Nordlichter. Ich war augenblicklich verliebt. Das war das schönste, was ich je im Leben erblickt hatte und mein Herz füllte sich entgegen der recht kühlen Temperaturen mit Wärme. Ich beschloss in diesem Augenblick, hier leben zu müssen.

Einige Jahre später lebte ich schließlich wirklich in dem Land der Nordlichter. Meine Schwester war mit mir gekommen und zusammen lebten wir in einer Wohnung in einer ruhigen Ecke von Olso. Bergen hätte mich auch gereizt, aber der Regen dort brachte mich immer aus der Fassung. Tromsø hätte Nordlichter zu bieten – aber auch Winter voller Düsternis; nicht gerade mein Ding. Oslo jedoch war perfekt. Tagsüber arbeitete ich in der Redaktion, meine Schwester betrieb ihren Salon und abends radelte ich durch die Stadt oder die umliegende Landschaft, mit Vorliebe durch die Wälder. Oft blieb ich bis tief in die Nacht dort, so sehr gefiel es mir.

Eines Winterabends rief ich Ben an, der in Deutschland geblieben war, und fragte ihn um Rat. Ein Traum ließ mir keine Ruhe mehr – Nacht für Nacht wurde ich heimgesucht, konnte schon kaum mehr schlafen und wurde tagsüber progressiv unbelastbarer; meine Arbeit hatte darunter ebenso zu leiden wie Freunde. Es war immer der gleiche Traum, dass mir jemand genommen wurde, der mir nahe stand wie ein Bruder (oder Schwester, der Traum definierte das nicht genauer), weil ich mit den Mächten des Finsteren im Bunde stand. Nun hatte ich mich zwar zur Belustigung mit okkulten Schriften befasst, aber schlußendlich ich fand diese ebenso glaubhaft wie christliche oder andere Lehren – nämlich gar nicht. Ben war jemand, der gut in Menschen lesen konnte. Er hatte Psychologie studiert und hatte inzwischen einiges an praktischer Erfahrung angesammelt.

Als Ben an sein Telefon ging, plauderten wir erst, wie es Höflichkeit gebietet, über allgemeine Geschehnisse. Ein Nachteil des Auswanderns ist, dass man zwangsläufig Kontakt mit seinen Freunden verliert. Als ich schließlich zum Punkt kam, ihm meine Problematik schilderte und ihn fragte ob er eine Idee hatte, schlug ich auch dies vor: dass die Person, die ich im Traum Nacht für Nacht verlor, für alle Freunde steht, die ich nicht mehr sehe und von denen ich nichts mehr höre. Aber genau genommen waren das gar nicht viele. Natürlich war der Kontakt spärlicher geworden, aber die Menschen die für mich zählten, von denen hörte ich immer noch hie und da das Neueste. Ben tat den Gedanken auch ab – und er war schließlich einer von denen; wir telefonierten etwa einmal im Monat miteinander.

Ben bat mich, die Person genauer zu beschreiben. Er konnte mich zwar nicht telefonisch in Hypnose oder ähnliches versetzen, wollte dies auch nicht; aber ich war selber in der Lage, ein wenig in meinem Unterbewußtsein zu stochern und spulte den Traum so gut und genau es ging vor meinem inneren Auge ab. Nun merkte ich zum ersten Mal, dass es eine Frau war, die mir da genommen worden war. Sie hatte langes weißes Haar, war aber nicht alt – zumindest würde man es ihr nicht anssehen. Sie trug eine blaue Robe, was ich äußerst ungewöhnlich fand und war außerdem ein ganzes Eck größer als ich. Als ich mich etwas besser konzentrierte – ich drehte hierzu das Licht ab und legte den Telefonhörer kurz zur Seite – merkte ich, dass ich selber eine Frau in meinem Traum war. Ich konnte allerdings nichts daran festmachen, ich bekam einfach kein klares Bild meiner Erscheinung.

Aus irgendeinem Grund fing Ben wieder von seinen Sagen an. Ich wußte nicht, wie er darauf kam, aber er sagte, dass ihn mein Traum an Feen erinnerte. „Feen? Aber die Frau ist viel größer als ich, wie kann sie eine Fee sein? Feen sind doch ganz klein, mit Flügeln? Und überhaupt, was hat das damit zu tun?“ – „Wie Feen wirklich aussehen, wissen wir doch nicht, genauso wenig wie Zwerge, Trolle und all die anderen Sagenwesen wirklich ausgesehen haben mögen – wer will das überprüfen? Das Bild was wir heutzutage haben, ist doch verschwommen, verzogen und über Jahrhunderte, Jahrtausende zu einem Märchen geworden. Natürlich glaubst du, glauben wir alle, Feen sind klein mit Flügeln, aber stimmen muss das deswegen noch nicht. Aber darum geht es auch gar nicht. Ich meine einfach nur, die Trauer die die Frau in deinem Traum ertragen muss, erinnert mich an die Feen auf der Erde, die von den Göttern verlassen wurden. Kannst du dich an die Sage erinnern?“ – „Ja, ich kann mich an alles an diesem Abend sehr gut erinnern. Du weißt ja, ich habe nicht so viel übrig für diese Geschichten, aber allein, dass ich an dem Abend Nordlichter gesehen habe.............“ – ich fing an zu stammeln, da mir plötzlich die Bilder jener Nacht durch den Kopf gingen, plastischer als damals. Da waren Umrisse im Wald gewesen. Sich bewegende Umrisse „Hallo? Sagst du noch was oder bist du eingeschlafen?“ wollte Ben wissen.

Ich brauchte Zeit, mich zu konzentrieren und die Bilder genauer zu analysieren, nuschelte kurz „ich ruf wieder an“ in den Hörer und legte auf, dann setzte ich mich auf den Boden. Ich wußte plötzlich mit überwältigender Klarheit: das waren keine Menschen oder Tiere gewesen, die in dieser Nacht durch den Wald gewandert waren. 'Was für ein Unsinn', dachte ich mir. Aber ich spulte die Bilder wieder und wieder ab, versuchte stets meinen Kopf zu neigen um zu sehen, was ich damals nicht gesehen hatte, aber dieses Unterfangen gelang mir nicht.

Wissend dass ich nicht mehr herausfinden würde, griff ich wieder zum Hörer und rief Ben an. „Entschuldige, ich hatte eben eine Vision“ – Ben lachte. „Eine Vision? Kommt vermutlich vom Schlafentzug, mein Lieber, das kann vorkommen.“

Das wußte ich. Aber das war nicht der Fall. Nicht diesmal. Da waren wirklich, tatsächlich Umrisse im Wald gewesen. Ich hatte auch seit über einem Jahrzehnt Alkohol nicht mal näher angesehen, also konnte ich jeden Vorwurf, ich wäre eventuell betrunken gewesen, von mir weisen. Ich erzählte Ben von dem was mir eingefallen war. „Nun, das löst aber jetzt nicht dein Schlafproblem. Und obendrein glaube ich, das müssen einfach Tiere gewesen sein.“ – Ich war anderer Meinung, konnte meinen Freund aber nicht überzeugen. Und nun war ich versessen darauf, einzuschlafen, um eventuell neue Schlüsse ziehen zu können. Vielleicht offenbarte mir der nächste Traum mehr. „Sei mir nicht böse, Ben, aber du hast mir geholfen, ich denke, ich kann wieder besser schlafen.“ – „Aber ich hab doch gar nichts gemacht!“ protestierte er, wohl in seiner Psychologenehre verletzt. „Ja – ich weiß, es mag seltsam klingen, aber ich bin momentan sehr gespannt darauf, was heute in meinem Traum passiert.“ – „Hm, ja... versuch einfach, genauer aufzupassen und ruf mich wieder an. Dann erzähl mir, ob dir was aufgefallen ist. Ach, und weißt du was? Versuch, dich im Wachzustand immer wieder zu fragen, ob du träumst. So oft, bis es Routine wird. Eventuell gelingt dir dann, dir dieselbe Frage im Traum zu stellen. Dann solltest du dir klar werden, dass du dich im Traum befindest und mit etwas Glück kannst du ihn dann kontrollieren.“

Das war der gröbste Unfug den ich je gehört hatte. Abgesehen von der Geschichte mit den Feen, natürlich. Aber der lieben Freundschaft fragte ich höflich „und du bist sicher, sowas funktioniert?“ – „Ja. Ich habe schon von einigen Leuten gehört, die es geschafft haben, Bewußtsein im Traum zu erlangen. Es ist mir selber schon mal passiert...ich bin dann ein paar Runden geflogen, das war schön, sag ich dir.“

Ich muss zugeben, oft ändere ich meine Meinung recht schnell; oft lasse ich mir Dinge mit recht simplen Argumenten einreden, oft kommt es mir vor als wären zu viele Charaktereigenschaften in mir, zuviele potenzielle Ansichtspunkte, zu schnell konnte ich meinen Blickwinkel adaptieren... so kam es, dass ich Bens Idee bereits ein paar Tage nachdem ich sie als Unfug abgetan hatte, wirklich ausprobierte. Ich fragte mich alle paar Minuten „bin ich wach?“. Speziell nachdem ich einige Nächte denselben Traum wieder hatte, ohne irgendwas neues zu bemerken, hoffte ich, auf diese Weise irgendwie weiter zu kommen in Sachen Traumdeutung. Und schließlich wollte ich eigentlich nur meinem Ziel näher kommen, wieder ruhig und traumlos schlafen zu können.

Ein Nebeneffekt diese Methode war, dass ich nach einigen Tagen der Meinung war, den Verstand verlieren zu müssen, da ich mir irgendwann einfach nicht mehr sicher war, ob ich nun wachte oder träumte – dummerweise nur, wenn ich tatsächlich wach war; meine Träume waren unverändert und unkontrollierbar. Aber dennoch: je öfter ich diesen Traum träumte, desto konzentrierter schien ich zu werden, desto mehr Details kamen zu meiner Aufmerksamkeit.

Und eines Wintertages war ich im vollen Bewußtsein im Traum. Ich stand im Wald und ging in den Norden, den Lichtern entgegen. Ich war auf der Suche nach einer Seelenverwandten, die ich lange verloren geglaubt hatte. Sie hatte meine Kreise, womöglich gar die Kreise der Welt schon lange verlassen und mich zurückgelassen, um in Ewigkeit zu leiden. Nach tausenden von Jahren an Schmerz hatte ich beschlossen, sie zu suchen, koste es was es wolle. Irgendwo musste dieser Weg sein, der mich aus diesem Loch, zu dem diese Welt geworden war, führte. Ich stieß auf uralte Ruinen von Festungen, auf neue Siedlungen der Menschen, auf veränderte Landschaften, auf unendliche Weiten. Und ich sah im Nordlicht einen Schatten dieser verwandten Seele, die nicht mehr hier war, mir aber den Weg zu weisen schien. Plötzlich drehte sich mein Blickwinkel, offenbarte mir das Gesicht, das ich so lange gesucht hatte, das mich auf diese Reise mitgenommen hatte – und ich war wie hypnotisiert, denn noch nie hatte ich solche Augen gesehen, nie ein Gesicht so voller Weisheit.

Traurigkeit von zehntausenden von Jahren blickten mir entgegen, nur eine Sekunde lang, bevor ich erwachte, doch nie wieder würde ich dieses Gesicht vergessen, diese blauen Augen, in denen ein leichter, fast verschwindender Schimmer von grün zu sehen war.

Und ein Teil dieser Traurigkeit war nun in mir gepflanzt. Mir war, als müsste ich etwas unternehmen, dieser Frau zu helfen, ihre Seelenpartnerin zu finden, um selber wieder klar denken, ja, ruhig schlafen zu können. Der Schlüssel muss in den Nordlichtern liegen, dachte ich mir...und im Schatten darin.

Nicht viel später klingelte bei Ben das Telefon, und wie in Trance hob er ab; war er doch gewöhnt, öfters von Patienten aus dem Schlaf geklingelt zu werden. „Ben?“ – „Sie haben die Praxis von Ben Sternenhagen erreicht. Unsere Bürozeiten sind nicht gerade jetzt. Rufen Sie tagsüber wieder an, Sie Spinner!“ – „Ben? Ich habe geträumt!“ – „Ich auch, und ich würd gern weiterträumen. Geh wieder schlafen!“ – „Es ist aber wichtig!“ Langsam schien ich ihn aufzuwecken. Es ist normalerweise nicht meine Art, fest schlummernde Menschen aus ihrem Schlaf zu reißen, aber noch war die Erinnerung an das eben Geträumte so frisch, dass ich nicht Gefahr laufen wollte, alles gleich wieder zu vergessen. „Na dann erzähl halt mal...“ nuschelte er vor sich hin, während er sich aufsetzte und das Licht anknipste. Ich erzählte ihm meine Geschichte – ihre Geschichte, die Geschichte der Frau aus meinem Traum.

„Du suchst also Schatten im Nordlicht? Nun, guck einfach mal dran vorbei, da ist ziemlich viel Schwarz um die Dinger rum...“ entgegnete mir Ben gelangweilt und etwas genervt. „Aber wenn du glaubst, Schatten suchen zu müssen, solltest du weiter rauf. In Oslo werden dir halt so schnell keine Nordlichter begegnen. Kannst du mich jetzt bitte schlafen lassen? Ich muss um sechs Uhr wieder raus und die Wahnsinnige Elke hat einen Termin bei mir....vor dem mir jetzt schon graust.“ – „Na gut, dann leg dich wieder hin. Danke. Gute Nacht.“ – „Nichts zu danken...ciao.“

Er legte rasch auf und ich spürte die drückende Stille um mich herum. Ich wußte nicht, ob ich meine Schwester aufwecken sollte, um ihr von meinem Traum zu erzählen, aber ich vermutete, sie würde mich nur auslachen. Ich nahm mir also vor, den einzigen Rat zu befolgen, den mir Ben gegeben hatte – und zugegebenermaßen war das auch der einzige Rat gewesen, den mir irgendein bei Vernunft befindlicher Menschen hätte geben können: ich beschloß, in den Norden zu fahren und auf die Jagd nach Lichtern zu gehen.

Als ich im nächsten Winter in Tromsø ankam, machte ich mich auf einiges gefasst: nachts bei unmenschlichen Temperaturen in der Wildnis herumhuschen war kein Zuckerschlecken. Ich hatte mir für diesen Zweck einen Wohnwagen von einem Kollegen geborgt und mir eine Woche freigenommen. Die Träume hatten nicht aufgehört, auch nach Monaten nicht und ich war knapp daran, durchzudrehen oder selber an Feen zu glauben. Was auf das gleiche hinauskommt, wenn man mich fragt.

Einige Tage sah ich nichts.

Ich wollte bereits frustriert wieder abreisen, als eines Nachts (oder Tags, im Winter nördlich des Polarkreises gibt es hierbei keine sonderlichen Unterschiede) ein Schimmern am Himmel zu sehen war. Ich nahm es erst kaum wahr, dafür sah ich nun deutlicher die Umrisse die an mir vorbeizogen. Es waren Leute, die dabei waren, die Welt zu verlassen. Nicht um zu sterben, sondern um den Platz aufzusuchen, für den sie bestimmt waren. Oder besser gesagt, es war ein Echo: ich sah hier, was vor Jahrtausenden stattgefunden haben mag. Mir gefror das Blut in den Adern (was nicht nur mit den Temperaturen zu tun hatte). Ich glaubte nicht an Geister – ich glaubte an nichts. Eventuell war ich wirklich verrückt geworden und mein Geist dreht mir einen Strick. Ich tappte jedenfalls in die Falle und ging näher zu denen die da gingen, an ihnen vorbei zum Ursprungsort.

Schließlich war ich auf der Suche nach einer, die zurückgelassen worden war. Lange, lange ging ich, und plötzlich wurde das Schimmern stärker, die Schattenfiguren weniger – ich kam meinem Ziel näher.

Als ich sie sah, hätte ich am liebsten geweint. Sie war „ich“ aus meinen Träumen, ich wußte es sofort. Eine imposant große Frau mit dunkelroten schulterlangen Haaren, einem blassen, makellosen Gesicht und blauen Augen, gekleidet in eine lange weiße Robe. Sie saß vor einer kleinen Holzhütte, mitten im Wald. Sie war wie entrückt aus der Welt, wie eine lebendige Erinnerung.

Als sie mich erblickte, erlosch das Schimmern, verschwanden die Figuren, und nur noch wir zwei waren hier. Als wären sie ihr entsprungen, als hätte sie diese Mittel benutzt um mich zu locken und wäre am Ende ihrer Kräfte. Sie aber verschwand nicht, sie war real, und sie sprach zu mir – nur verstand ich kein Wort. Ich meinte, ihre Sprache klang entfernt nach finnisch, aber sicher war ich mir nicht, zu wenig hatte ich mich damit befasst (ich war froh, wenn ich einen Schweden verstehen konnte). Als ich was sagte, schien sie nichts zu verstehen. Sie gab mir jedenfalls mit einer Geste zu verstehen, dass es besser wäre, nach innen zu gehen. Drinnen war es immerhin leidlich warm, sie heizte zwar nicht und ich fragte mich wie irgendjemand hier draußen auf diese Weise leben – geschweige denn überleben konnte – aber ich konnte ja nicht mit ihr kommunizieren. Allerdings war es relativ eng und dunkel. Was für ein trostloses Leben, dachte ich mir – kein Wunder infiltrierte sie meine Träume um etwas dagegen zu unternehmen. Inzwischen glaubte ich nicht mehr an einen Zufall, denn kein Mensch würde freiwillig seine Tage so elendig fristen. Ich war mir allerdings nicht mehr ganz sicher ob sie ein Mensch war und ob ich mir das nicht alles einbildete. Eventuell lag ich inzwischen auch einfach im Schnee und hatte Wahnvorstellugen vor meinem Tod.

Aber viel konnte ich diesen Gedanken nicht abtun, schließlich fühlte ich mich sehr präsent in der realen Welt, wenn auch an deren Rand. Die Frau kramte nun eine Kerze hervor, zündete sie an und bat mich, Platz zu nehmen. In ihrer Hütte waren ein Bett, ein Nachttisch (auf dem unsere Lichtquelle nun stand) und noch ein Stuhl, auf den ich mich setzte. Sie selber legte sich auf ihr Bett, anscheinend hatten ihre Lichtbilder und -gestalten (falls sie denn von ihr stammten, wovon ich ausging) sie wirklich einiges an Kraft gekostet.

Sie deutete mir, zu sprechen. Ich wußte zwar nicht, zu welchem Zweck, da sie mich sowieso nicht verstehen konnte, aber ich begann zu erzählen. Ich sprach langsam, wie man mit einem Sprachanfänger sprechen würde, und naheliegenderweise sagte ich, was mich hierher gebracht hatte. Und kurioserweise schien sie zu verstehen – oder sie vermutete. Sie deutete jedenfalls auf sich, als von ihr die Rede war und nannte mir ihren Namen: Leanija.

Nun muss ich einiges von dem, was sie mir später erzählt hat, vorgreifen. Sie war keine Fee oder sonst ein Fabelwesen, sondern die Letzte einer längst verschwundenen Rasse – sie war eine der Quendi, die „Sprechenden“ und sie waren es, die den Menschen Sprachen beigebracht hatten, vor Urzeiten. Heute gibt es keine Spuren mehr von ihnen, nur in Sagen und Märchen tauchen sie auf, dort werden sie zu engelsgleichen Figuren mit langen Ohren und Elfen genannt. Nach und nach entnahm sie meinen Erzählungen, wie die Sprachmuster des Deutschen funktionierten und wie sie diese für sich anwenden konnte.

Mit einer Probieren geht über studieren-Methodik versuchten wir beinahe die ganze Nacht, uns gegenseitig zu verstehen und schließlich brachten wir es zustande, unsere Sprachen wie brüchige Holzbrücken gebaut, einigermaßen miteinander zu kommunizieren. Kaum war diese Hürde halbwegs aus dem Weg, setzte sie sich auf und fing an zu erzählen.

„Es ist lange her, dass ich mit Menschen gesprochen habe – es ist generell lange her, dass ich mit Lebewesen sprechen konnte. So lange, dass ich den Namen Quendi kaum mehr verdient habe. In all diesen Jahren hat sich die Welt verändert; sie ist mir fremd geworden. Schon lange ist diese Gegend nicht mehr, was sie einst war, und alle meine Brüder und Schwestern sind seit Ewigkeiten davon. Ich bin die Letzte. Nach mir kommt niemand mehr, nach mir endet die Geschichte meiner Rasse auf dieser Erde. Aber um die Geschichte der Quendi auf dieser Welt zu einem Ende kommen zu lassen, brauche ich deine Hilfe. Ich habe all meine verbliebene Kraft genützt, um eine reine Seele zu mir kommen zu lassen. Denn nur ein Sterblicher, der frei von Verderben ist, kann mir helfen. So haben es diejenigen vohergesagt, die ihr Götter nennt. Alle Quendi sind bestimmt, die Kreise dieser Welt zu verlassen; sei es durch Tod – auch wenn wir unsterblich sind, nicht altern und nicht krank werden, können wir doch ermordet werden – oder auf den Geraden Weg. Nur habe ich keine Ahnung, wo und wie ich diesen finden soll, nachdem ich hier zurückgelassen wurde.“

Ich wußte nicht wirklich, was ich mit dem anfangen sollte, also ließ ich sie einfach weiter sprechen. Sie schien auch sehr erleichtert zu sein, einfach erzählen zu können.

„Wir, die Quendi, waren auf dieser Erde, bevor die Menschen kamen. Und euer Auftauchen läutete unser Schwinden ein. Nach und nach verließen wir die Küsten und suchten den alten Westen auf, der seit der Krümmung der Welt nur den Quendi auf dem Geraden Weg zugänglich ist. Nur: was ich getan habe, ist so schrecklich, dass mir der Gerade Weg verschleiert blieb. Deswegen bleibe ich wohl auf ewig von meiner Schwester getrennt – es sei denn, ich fände einen Sterblichen von reiner Seele, der mich verstehen könnte, mir verzeihen und mir helfen würde. Du bist heute hier, und das bedeutet viel; ich warte hier bereits fünftausend Jahre; sah Königreiche kommen und gehen, Generationen und Abergenerationen von Menschen, und konnte doch nie aufhören an meine Verwandten denken. Ich konnte nicht einfach hinausgehen und mich unter die Sterblichen mischen; ich war verdammt, die Ewigkeit mit der Schande und Schuld zu verbringen. Alle Quendi haben eines gemeinsam: wir haben gemeinsam für die Freiheit der Welt gekämpft, für alle Völker darin die an das Gute glauben, die das Schöne leben. Wir waren zu jeder Zeit bemüht, das Böse und das Dunkle zu vertreiben. Ich allein war die einzige die Bündnis mit dem Dunklen Feind der Welt geschlossen hatte. Im entscheidenden Moment, bevor der letzten Schlacht, deren Vorbereitung die Welt an einen Scheideweg brachte, an dem es unklar war, welche Abzweigung wir einschlagen würden, nahm mich die Angst in Geiselhaft und ließ mich die Seiten wechseln. Den Tod fürchten Quendi nicht, und nun weiß ich warum: Einsamkeit ist schlimmer als zu sterben. Du kannst dir nicht vorstellen, was jemand durchmacht, der Jahrtausende zum Alleinsein verdammt ist. Ich war verbittert, grub meinen Hass immer tiefer in mein Inneres, höhlte von innen aus. Ich bin geschlagen, ich kann nicht länger, ich wünsche mir den Tod, ich glaube, er käme einer Erlösung aus meinem Elend gleich.

In diesem einen Moment, als ich dem Bösen meine Pforten öffnete, verdammte ich mich selber. Meine Freunde, meine Brüder und Schwestern, wurden mir fremd, erkannten mich nicht wieder und ich fand mich wieder in einer schwarzen Welt, in der es nur einen Weg gab: den nach unten. Aussichtlos war die Lage für uns Quendi, und ich als einzige hatte Angst um mein Leben. Für mich stand es außer Frage, dass alle sterben würden, deshalb ergab ich mich dem Feind, bot ihm meine Dienste an im Austausch gegen Freiheit. Dieses Angebot nahm er an und bekam wertvolle Informationen von mir, die zur Auslöschung meiner Rasse geführt hätte, wären nicht die Götter selbst eingeschritten. Freiheit kannte der Dunkle Herr jedoch nicht, dieses Geschenk konnte er mir nicht machen. Er stellte mir als Kompensation einen niederen Dämonen als Diener zur Seite. Aus Leanija Æverstryd wurde in dieser Zeit ein Namenloses Wesen.

Als die Schlacht geschlagen und verloren war, stand ich am blutroten Schlachtfeld vor dem Herald der Götter, sackte vor ihm zu Boden und ließ meine Waffen fallen. Mein dämonischer Diener war bereits gestorben, aber ich war nicht bereit für den Tod und die Hallen der ewigen Sühne.“

Für einen Moment flackerte ein grüner Funken in ihren Augen auf, der schließlich wieder erlosch. Sie waren blass nun, blau. Sie hatte mich kaum eines Blickes gewürdigt in der Zeit, ich konnte spüren wie die Erinnerung in ihr wach wurden, wie sie zurückversetzt wurde. Es schien mir, dass sie gewachsen war, dass sie ein weiteres Stück gelernt hatte.

„Ich habe den Herald um Gnade angefleht, wie es viele niedere Diener des Dunklen Herrn getan hatten, aber in meinem speziellen Fall wußten die Götter nicht, was sie machen sollten. Das Blut meiner eigenen Verwandten tropfte von meiner Rüstung und von meinem Gesicht, während ich vor den Rat gebracht wurde. Auf dem Weg dorthin ließ ich mein Mitgefühl, meine Liebe zusammen mit den vielen Toten auf dem Feld und trat uneinsichtig vor die Götter. Ich konnte mit mir selber nicht mehr, darum ließ ich den Teil von mir, der mich zur Quendi machte, zurück und wurde etwas, das nicht viel besser als ein Dämon ist; ich kehrte den Stolz, eine Maske der Angst, in den Vordergrund. Als ich meine Schwester, Leadora, beim Rat sitzen saß und ich die Tränen in ihren Augen bemerkte, verschloss ich mich weiter. Keine Kraft hatte ich, diese Trauer zuzulassen, keinen Willen, mich damit zu befassen. Vieler Worte bedarf es in solchen Situationen nicht, und ich äußerte keine. Eon, der König der Götter, wußte auf dem ersten Blick womit er es zu tun hatte und fasste seinen Beschluss.

Im Norden bließ ich auf seinem Geheiß, sah die Welt sich verändern, die Menschen sich ansiedeln. Verwehrt war es mir, Liebe oder Mitgefühl zu empfangen. Der Kontakt zu Quendi war mir ebenfalls untersagt, aber diese suchten ohnehin nicht meine Nähe. Ich blieb in der Nähe von Menschen, befreundete mich mit einigen, doch richtig liebgewonnen hatte mich nie jemand; nie hatte ich wieder Nähe empfunden wie in meiner Jugend in den unsterblichen Landen. Die Menschen kamen und gingen, jeder, der mir etwas bedeutete, starb. Eines Tages, nachdem ein alter Freund von mir gegangen war, erinnerte ich mich erstmals wieder an meine Schwester und ihre Umarmung. An diesem Tag gelang es einer winzigen Träne sich an die Oberfläche zu drängen. Ein Meer allerdings versteckte sich in meinem Inneren, das nach Freiheit suchte, aber keinen Weg fand.

Hunderte von Menschen sah ich sterben, die mir etwas bedeutet hatten, bevor ich anfing zu verstehen. Ich zog mich zurück. Hier befinde ich mich seit fünfhundert Jahren und habe jeden Tag gelernt, zu mir selbst zurückzufinden, zu meiner Wirklichkeit bevor es die Dämonen gab. Ich fühle nach wie vor nahezu unerträglichen Schmerz für das, was ich getan habe, aber ich bin bereit, die Verantwortung dafür zu übernehmen. Ich behaupte nicht, dass meine Strafe abgeleistet ist oder dass mich meine Schwester mit offenen Armen empfangen wird, aber ich will zurück. Zu sterben erscheint mir als Erlösung, aber es ist mir nicht möglich mir selber physischen Schmerz zuzufügen, das ist Teil meiner Strafe.

Du hast meine Signale erhört, ich habe meine letzte Kraft dafür aufgewendet, dich hierherzufinden, und es steht dir frei, mir zu helfen oder zu gehen. Ich würde keinen Gram hegen, wenn du wieder nach Hause zurückkehrst, ich könnte es verstehen – und ich bin dankbar, dass ich dieses Verständnis zurückerlangt habe.

Ich bitte dich aber nun, mich zu töten, oder zu tun, was in deiner Bestimmung verschleiert liegt. Du bist derjenige der mich erlösen muss, denn du hast eine reine Seele und kannst in meine sehen, um festzustellen ob ich bereit bin.“

Sie zog ein Messer aus einer Lade und reichte es mir zitternd. Ich nahm es zurückhaltend, verschloss meine Hand um den Griff und steckte es weg; für keine Sekunde hatte ich überlegt, ihr Leid anzutun. Es musste einen anderen Weg geben. Ich konnte sie nicht sitzenlassen, sie nicht töten, war mir aber auch nicht sicher wie ich ihr helfen konnte. Als sie mich wieder ansah – während ihrer Erzählung hatte sie stets zu Boden geblickt – sah ich sie weinen und fühlte plötzlich einen Teil ihres Schmerzes.

Mitgefühl übermannte mich, ich konnte nicht anders, als sie zu umarmen – und zusammen weinten wir. Aus einem Bach wurde eine Flut, dann ein Wasserfall und schließlich ein Ozean aus Sternen. Ich schloß die Augen, sie drückte mich so fest sie konnte plötzlich entschwanden die ohnehin dezimierten Farben der Welt, und ich konnte zum Meer sehen, dort war ein Schiff, auf dem eine Frau mit langen weißen Haaren stand. Sie leuchtete hell und hob ihren Arm, um uns zu winken. Wir folgten, und die hellen Gestalten, die mich zu diesem Ort geführt hatten, leiteten uns den Weg zum Meer. Auf schwebenden Sohlen glitten wir zu Leanijas Bestimmung, zu ihrer Schwester die nun auf sie wartete, mit dem letzten Schiff in die Alte Welt. Als wir an der Küste angelangt waren erst ließ ich sie los. Sie wirkte gealtert und etwas geschrumpft, aber auf ihrem Gesicht war Dankbarkeit. Für einen Moment noch hielt ich ihre Hand und sagte ihr dann Lebewohl.

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